Wo ist mein Kolostrum? – Stillen von Frühgeborenen im interdisziplinären Kontext

Ein Vortrag von Prof. Michael Abou-Dakn und Thomas Kühn im Rahmen der Medela Goldkonferenz 2020

  • Prof. Michael Abou-Dakn ist Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am St. Joseph-Krankenhaus Berlin.
  • Thomas Kühn ist Neonatologe, Oberarzt, Neotrainer, Still- und Laktationsberater am Perinatalzentrum Level 1 am Vivantes Klinikum Berlin Neukölln.

Vorteile der Verfütterung von Muttermilch und Kolostrum

Muttermilch hat zahlreiche positive Effekte auf die Gesundheit und das Wachstum von Neugeborenen. Besonders bei Frühgeborenen unterstützt Muttermilch die neurologische Entwicklung und schützt vor Erkrankungen, wie bronchopulmonaler Dysplasie, nekrotisierender Enterokolitis und Retinopathie. Daneben fördern Nähe und Bindung von Mutter und Kind die Laktation wesentlich.

Obwohl einige Kulturkreise die erste Milch als unsauber ablehnen, kommt dem Kolostrum eine wichtige Bedeutung zu. Im Vergleich zu Übergangs- und reifer Milch hat das Kolostrum einen besonders hohen IgA-Gehalt. Die spezifische Immunantwort der Mutter gegen bestimmte Erreger wird über das Kolostrum effektiv an ihr Kind weitergegeben. Kinder, die eine Kolostrumfütterung erhalten haben, bleiben signifikant kürzer auf der Neugeborenen-Intensivstation als Kinder ohne Kolostrumgabe. Die Kolostrumgewinnung und -fütterung wirkt sich zusätzlich positiv auf die Laktation der Mutter aus.

Voraussetzungen für das Stillen von Frühgeborenen

Damit Frühgeborene oder kranke Neugeborene ihr Kolostrum überhaupt erhalten können, müssen in den Kliniken entsprechende Voraussetzungen geschaffen werden. Der Anteil gestillter Frühgeborener ist deutlich erhöht, wenn ein früher Hautkontakt möglich war. Eine enge Kooperation an der Schnittstelle zwischen Geburtshilfe und Neonatologie ist dafür unabdingbar. Die Geburtshelfer sollten den Haut-zu-Haut-Kontakt direkt nach der Geburt im OP oder Kreißsaal herstellen können. Auf der Neonatologie muss dieser Hautkontakt zwischen Mutter und Kind weiterhin ermöglicht werden.

Die Muttermilchernährung von kleinsten Frühgeborenen in Europa (EPICE-Kohorte) hängt hauptsächlich von der Existenz geschriebener SOPs für das Team ab. SOPs helfen Verantwortlichkeiten und Schnittstellen gut zu definieren. Damit das ganze Team hinter einer SOP steht, sollte diese aus dem Team heraus entstehen. Top-down-Ansätze per ärztlicher Anweisung sollten keine Anwendung finden, weil das im Team eher Widerstand erzeugt. Die EPICE-Studie fand außerdem einen positiven Effekt durch die Zertifizierung als babyfreundliche Klinik (Wilson et al. 2018).

Wichtig ist eine möglichst frühzeitige Aufklärung der Eltern über die Wichtigkeit von Hautkontakt, Kolostrum und Stillen. Im Idealfall informiert die Geburtshilfe die Eltern bereits bei drohender Frühgeburtlichkeit optimal nach Stand des Wissens, um partizipative Entscheidungen zu ermöglichen. Dadurch werden die Eltern nicht mehr durch eine Frühgeburt überrascht, was weitere negative Einflüsse auf das Stillen, nämlich Ängste und Stress, reduziert. Nach der Geburt sollten Eltern aktiv in die therapeutischen Bemühungen auf der Neonatologie-Intensivstation einbezogen werden.

Thomas Kühn

Thomas Kühn

Neonatologe, Oberarzt, Neotrainer, Still- und Laktationsberater am Perinatalzentrum Level 1 am Vivantes Klinikum Berlin Neukölln.

Michael Abou-Dakn

Prof. Michael Abou-Dakn

Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am St. Joseph-Krankenhaus Berlin