Frühkindliche Dysphagie und Trinkschwäche

Ein Vortrag von Tina Brodisch und Dr. Nicole Hübl im Rahmen der Medela Goldkonferenz 2020

  • Tina Brodisch ist Logopädin, Trageberaterin, Klinik für Kinder und Jugendliche am Klinikum Fürth.
  • Dr. Nicole Hübl ist Diplom-Logopädin und wissenschaftliche Mitarbeiterin, Klinik für Allgemeine Pädiatrie, Neonatologie und Kinderkardiologie am Universitätsklinikum Düsseldorf.

Definitionen und Relevanz

Eine Voraussetzung für die stressfreie orale Nahrungsaufnahme bei Säuglingen ist eine funktionierende Trinkkoordination. Gesunde Neugeborene integrieren die Funktionen Saugen, Atmen und Schlucken. Das Schlucken findet zwischen dem Ein- und dem Ausatmen statt. Dadurch wird automatisch der Aspiration von (Mutter-)Milch vorgebeugt. Frühgeborene zeigen aufgrund ihrer unreifen Atem-, Saug- und Schluckkoordination jedoch spezifische Probleme beim Stillen oder Trinken aus der Flasche. Sie integrieren die einzelnen Funktionen nicht, sondern separieren diese. Dadurch besteht Aspirationsgefahr und die Atmung wird unterbrochen oder muss aufgeholt werden, was die Nahrungsaufnahme zusätzlich sehr anstrengend macht.

"Die Unfähigkeit eines Säuglings, seinen Kalorienbedarf durch die orale Nahrungsaufnahme zu stillen, meist bedingt durch einen Mangel an Kraft und Ausdauer beim Trinken" ist die Definition einer Trinkschwäche. Die (früh-) kindliche Dysphagie geht über eine Trinkschwäche hinaus und ist charakterisiert durch Störungen in den einzelnen Schluckphasen. Die häufigsten Ursachen für kindliche Dysphagien sind u.a. angeborene Fehlbildungen, neurologische Erkrankungen, genetische Syndrome oder gastroenterologische Erkrankungen. Bedingt durch eine besser werdende medizinische Versorgung gehören Trinkschwierigkeiten zum klinischen Alltag bei Frühgeborenen und kranken Säuglingen. Trinkschwierigkeiten verlängern den Klinikaufenthalt und können die Interaktion zwischen Eltern und Kind belasten.

Unterstützung von Eltern und Kind

Herausforderungen in der Trinkentwicklung entstehen auf Ebene des Kindes, der Eltern und der Umgebung. Auf Ebene des Kindes unterstützt früher Haut-zu-Haut-Kontakt, die Fütterung von Muttermilch sowie das Stillen die Ernährungsentwicklung. Die Zufütterung mit der Flasche sollte signalorientiert und erst ab der 32sten Schwangerschaftswoche erfolgen, wenn das Kind Bereitschaftsanzeichen für das Trinken mit der Flasche zeigt. Zuvor sollte das Kind bereits Erfahrungen an der Brust gesammelt haben. Grundsätzlich ist die Trinkkoordination beim Stillen leichter als beim Trinken aus der Flasche. Neben anderen positiven Faktoren beim Stillen kann das Kind bestimmen, wann die Milch fließt und hat die Möglichkeit der Eigenregulation. Aus dem Sauger der Flasche hingegen kommt ein kontinuierlicher Milchfluss, der eine externe Regulation durch Pacing notwendig macht.

Die Eltern haben durch die Frühgeburt Sorgen und Stress, was sich wiederum negativ auf die Laktation auswirkt. Hinzu kommt die fremde Umgebung der neonatologischen Intensivstation, die zusätzlich Ängste schüren kann. Das macht frühzeitige Interventionen und interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten in Früh- und Nachsorge notwendig. Früher Haut-zu-Haut-Kontakt und erste Brusterfahrungen fördern die Bindung und unterstützen die Laktation. Die Priorisierung von positiven Still- und Trinkerfahrungen reduziert Stress bei Mutter und Kind. Die Qualität der Trinkerfahrung sollte unbedingt vor der Quantität der Trinkmenge stehen. Eine Unterstützung durch Logopädie und Stillberatung gibt zusätzliche Sicherheit und kann bereichernd für Eltern, Kind und Pflegepersonal sein.

Auf der neonatologischen Intensivstation werden die Grundsteine für die Trink- und Ernährungsentwicklung gelegt. Dennoch entstehen nach der Entlassung weitere Herausforderungen, wie schnelle Ermüdung oder Nicht-Bewältigung der Trinkmenge. Daher muss auch die Nachsorge noch in der Klinik organisiert werden.

Tina Brodisch

Tina Brodisch

Logopädin, Trageberaterin, Klinik für Kinder und Jugendliche am Klinikum Fürth

Dr. Nicole Hübl

Diplom-Logopädin, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Klinik für Allgemeine Pädiatrie, Neonatologie und Kinderkardiologie am Universitätsklinikum Düsseldorf