Vom Kreißsaal zur Neonatologie: Interdisziplinäre Zusammenarbeit für eine gute Laktation

Ein Vortrag von Prof. Matthias Keller im Rahmen der Medela Goldkonferenz 2020

  • Prof. Matthias Keller ist Kinder- und Jugendarzt, Neonatologe, Ärztlicher Direktor, NeoPAss®-Team, Kinderklinik Dritter Orden Passau

Risikofaktoren für das Nicht-Stillen

Ein großer Risikofaktor für das Nicht-Stillen ist die Frühgeburtlichkeit. Während die Stillraten von Termingeborenen noch bei knapp 77 % liegen, liegt die Stillrate bei moderaten Frühgeborenen (32ste bis 36ste Schwangerschaftswoche) nur noch bei etwa 70 %. Die Stillrate bei Frühgeborenen in der 24sten bis 31sten Schwangerschaftswoche sinkt sogar weiter auf ca. 63 % (Merewood et al. 2006). Große Einflüsse auf die Stillmotivation der Mutter gehen zudem von der Umgebung, wie Partnern und Familie, aus (Kohlhuber et al. 2008). Die Haltung des Behandlerteams sowie elterlicher Stress wirken sich ebenfalls auf die Stillquote aus.

Um das Ziel zu erreichen, dass Kinder eigene Muttermilch auf der Intensivstation erhalten und gestillt nach Hause gehen, muss jede Klinik von innen heraus agieren. Im Team muss zunächst ein gemeinsames Bewusstsein für die Stillquoten in der eigenen Klinik, vorhandene Förderung der Laktation in den ersten Lebenstagen und die Notwendigkeit von Veränderung geschaffen werden. Auf der Grundlage können dann gemeinsame Visionen und ein zielorientierter Gestaltungswille entstehen.

Herangehensweisen am Beispiel NeoPAss®

Im fachübergreifenden Behandlungspfad NeoPAss® zur Behandlung Frühgeborener wird das Stillen als Prozess gesehen. Der Stillprozess umfasst die Zeit von der Schwangerschaft bis zur Nachsorge. Während des Gesamtprozesses ändern sich die Personen in Kontakt mit den Eltern, was eine Abstimmung der einzelnen Prozesse und die Verzahnung der Maßnahmen notwendig macht.

Die grundsätzliche Stillbereitschaft der Mutter wird bereits pränatal geschaffen. Vorgeburtlich helfen Apps und Pränatalgespräche, um die Eltern über Frühgeburtlichkeit und das Stillen zu informieren. Interdisziplinarität zwischen der Gynäkologie, Hebammen und Neonatologie ist ein wesentlicher Faktor in den Pränatalgesprächen, um einheitliche Botschaften zu transportieren. Ebenfalls in die Gespräche einbezogen werden die Väter und sogenannte Kümmerer, die den Prozess in den Teams überwachen und Ansprechpartner sind. Stationsführungen und die Herstellung von Kontakt zu anderen Eltern im Mentorenprinzip nehmen den Eltern von vornherein Ängste und Sorgen.

Perinatal wird früher Haut-zu-Haut-Kontakt mit der Mutter noch im Erstversorgungsraum hergestellt. Auch hier sind Kümmerer als Prozess-Verantwortliche im interdisziplinären Team zugegen. Ein ausgedehnter Haut-zu-Haut-Kontakt findet auch nach dem Kreißsaal weiterhin statt. Durch selbstwirksames Handeln wird auch der Vater aktiv ins Bindungsverhalten einbezogen, indem er z.B. sein Kind auch nach der Sectio abnabelt oder sein Kind im Inkubator selbst auf die Station transportiert. Die unterschiedlichen Aufgaben durch verschiedene Teams zur Initiierung der Laktation müssen Hand-in-Hand erfolgen, mit einem Umdenken in Richtung familienintegrierender Pflege. Die Pflegekräfte werden zum Trainer der Eltern, damit diese die Pflege ihres Kindes übernehmen können.

Seit der Einführung von NeoPAss® sind elterliche Selbstwirksamkeit und Zufriedenheit höher als in Vergleichsgruppen sowie die Stillraten bei der Entlassung erhöht.

Dr. Keller

Prof. Matthias Keller

Kinder- und Jugendarzt, Neonatologe, Ärztlicher Direktor, NeoPAss®-Team, Kinderklinik Dritter Orden Passau