Becoming Breastfeeding Friendly (BBF) – Rahmenbedingungen zur Stillförderung – Machen wir schon alles richtig?

Ein Vortrag von Dr. Stephanie Lücke im Rahmen der Medela Goldkonferenz 2020

  • Dr. Stephanie Lücke ist Diplom-Sozialwirtin, wissenschaftliche Referentin im Netzwerk Gesund ins Leben am Bundeszentrum für Ernährung, Bonn.

Lage in Deutschland

Nur etwa jedes dritte Baby in Deutschland wird gemäß der nationalen Empfehlung mindestens vier Monate ausschließlich gestillt. Ein geringer Bildungsgrad, der vorgeburtliche Entschluss nicht stillen zu wollen, keine Betreuung durch eine Hebamme, negative vorherige Stillerfahrung sowie Rauchen haben negative Einflüsse auf das Stillen (Jöllenbeck 2012). Hauptgründe, warum trotz Stillabsicht nicht mit dem Stillen begonnen wurde, sind zu wenig Milch (64 %) und konnte/durfte das Kind nicht stillen (24 %) (Brettschneider, von der Lippe, and Lange 2018).

Die Ausgangslage veranlasste das Bundesernährungsministerium im Jahr 2017 zur Beteiligung am internationalen Forschungsvorhaben „Becoming Breastfeeding Friendly“ (BBF). Ziel war die Analyse der Rahmenbedingungen für das Stillen und wie diese verbessert werden können, damit die Stillraten in Deutschland nachhaltig steigen. Die dafür eingesetzte Expertenkommission bewertete Deutschland als moderat stillfreundlich mit einer 1,7 auf einer Skala von 0 (nicht stillfreundlich) bis 3 (stark stillfreundlich).

Das Zahnradmodell mit acht Handlungsfeldern stellte die Basis für die Analyse dar. Daraus entwickelte die Expertenkommission wiederum acht Handlungsempfehlungen, um Frauen das Stillen zu erleichtern. Die Ergebnisse und Handlungsempfehlungen aus dem BBF-Vorhaben können im Faktenblatt So wird Deutschland stillfreundlich! eingesehen werden. Der Fokus des Vortrags lag im Handlungsbereich Bildung und Stillberatung, in dem die Teilnehmenden der Medela Goldkonferenz tätig sind.

Fokus Handlungsbereich Bildung und Stillberatung

Berufsgruppen in Kontakt mit werdenden oder jungen Familien haben eine wesentliche Rolle als Multiplikatoren bei der Vermittlung von einheitlichen und leicht verständlichen Informationen zum Thema Stillen. In der Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten sowie für Gesundheitsfachberufe fehlen jedoch einheitliche Standards. Zum Thema Stillen besteht in keinem der Gesundheitsfachberufe eine Fortbildungspflicht. Angebote für Fort- und Weiterbildung sind in allen abgefragten Berufsgruppen zwar vorhanden, aber die Umsetzung fällt gering oder unvollständig aus. Daher sollen nach Handlungsempfehlung der Expertenkommission, Lehrinhalte zum Thema Stillen institutionsübergreifend vereinheitlicht werden. Fort- und Weiterbildungen sollen für die jeweiligen Multiplikatoren aufgaben- und kompetenzbasiert sichergestellt sein.

Nur etwa 20 % aller Geburten finden in zertifizierten „Babyfreundlichen Geburtskliniken“ statt, die entsprechend der 10-Schritte-Kriterien nach WHO/UNICEF verfahren. In Deutschland sind vorhandene nationale Standards und Richtlinien zur Stillförderung nicht verpflichtend und nicht jedem Fachpersonal bekannt. Deshalb empfahl die Expertenkommission die Erstellung einer AWMF-Leitlinie zum Thema Stillförderung und -beratung. Diese ist bereits in der Entwicklung. Weiterhin soll die Stillberatung in verschiedene Richtlinien integriert sowie die Einführung von Messinstrumenten zur Qualitätssicherung verpflichtend gemacht werden.

Bisher werden Familien, die eine Stillberatung benötigen, durch das Gesundheitswesen nicht routinemäßig erreicht. Mit einer entsprechenden Handlungsempfehlung soll die Stillförderung vor Ort verbessert werden. Die Empfehlung beinhaltet eine lokale Vernetzung aller Akteurinnen und Akteure in Ärzteschaft und Gesundheitsfachberufen und weiteren mit jungen Familien in Kontakt stehenden Berufsgruppen sowie Ehrenamtlichen. Über die Veröffentlichung lokaler Angebote über geeignete Kanäle soll ein frühzeitiger und niedrigschwelliger Zugang zu Stillberatung und Selbsthilfeangeboten ermöglicht werden. Bisher sind vorhandene Angebote zur Stillförderung eher mittelschichtorientiert.

Umsetzung und Kommunikation

Für die Erarbeitung einer nationalen Strategie zur Stillförderung vergab das Ernährungsministerium einen Auftrag an das Max-Rubner-Institut (MRI), konkret Frau Prof. Ensenauer (Leiterin des Instituts für Kinderernährung). Die Stillstrategie soll in einem partizipativen Prozess mit den entsprechenden Akteurinnen und Akteuren erstellt werden. Zu diesem Zweck wurde bereits eine dauerhafte Koordinierungsstelle eingerichtet.

Die Kommunikation zur nationalen Stillförderung liegt im Aufgabenbereich des Netzwerks Gesund ins Leben. Eine Kampagne zur Verhaltensänderung soll auch Frauen erreichen, die seltener und kürzer stillen als Vergleichsgruppen. Für alle Eltern soll ein stillfreundliches Klima geschaffen werden. Die Kampagne soll (werdende) Mütter und ihr soziales Umfeld, Multiplikatoren sowie die Allgemeinbevölkerung ansprechen. Grundlage dafür sind u.a. Botschaften über verschiedene Medien, eine Social Media-Strategie, Fortbildungen und Förderung von Vernetzung.

Die Lebensphase um Schwangerschaft und Familiengründung ist ein günstiges Zeitfenster, um das eigene Gesundheitsverhalten zu überdenken und neue Muster auszuprobieren. Hinter dieser Grundidee hat das Netzwerk Gesund ins Leben verschiedene Medien rund ums Stillen zur Weitergabe an die Eltern angefertigt. Unter https://www.gesund-ins-leben.de/fuer-fachkreise/materialien/ können kostenlos Flyer zum Auslegen auf den Stationen bestellt werden. Dort sind ebenfalls kostenlose Postkarten mit Stillmotiven in verschiedenen Umgebungen erhältlich. Auf Instagram können Frauen und Institutionen unter #stillenwillkommen schöne Stillerlebnisse posten.

Stephanie Lücke

Dr. Stephanie Lücke

Diplom-Sozialwirtin, wissenschaftliche Referentin im Netzwerk Gesund ins Leben am Bundeszentrum für Ernährung, Bonn